Jarno Cordia: "Wenn du erstmal deine Flügel spreizt, hört der Rest der Welt auf zu existieren."

Wingsuit-Flieger Jarno Cordia im Interview

Jarno wingsuit
29. Oktober 2015

Jarno Cordia ist niederländischer Wingsuiter und Basejumper mit mehr als 10 Jahren Erfahrung. Er gehört mit insgesamt über 4500 Sprüngen zu einem der erfahrensten Profis im Sport. Wir haben mit ihm über seine Leidenschaft und die Zeit über den Wolken gesprochen.

Hi Jarno. Erzähl uns doch ein bisschen über Dich und deine Person.

Mein Name ist Jarno Cordia, ich bin 37 Jahre alt und lebe in den Niederlanden. Ich bin glücklich verheiratet mit meiner wunderbaren Frau und zusammen haben wir einen genau so wundervollen Jungen. Er ist dieses Jahr eins geworden. 

Ich bin mit Filmen und Animationen aufgewachsen und bin dadurch zu meinem Beruf gekommen. Ich arbeite im Film und Fernsehen und produziere 3D Animationen. 

Mittlerweile reise ich um die ganze Welt als Wingsuit Coach und bilde Menschen in diesem unglaublichen Sport aus.


Du betreibst eine der gefährlichsten und riskantesten Sportarten der Welt. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe es irgendwann in Artikeln entdeckt und in kurzen Fernsehspots. Patrick DeGayardon, einer der ersten Wingsuiter, der den Sport quasi erfunden hat, war oft in im Fernsehen. Aber ich hätte niemals gedacht, dass ich das irgendwann selbst mal machen werde.

Über die Jahre habe ich alle möglichen Arten an Sport und Aktivitäten ausprobiert. Von Tanzen zu Kampfsport über Laufen und Schwimmen bis zum Freediving. 1999 bin ich zum Fallschirmspringen gekommen. Eigentlich wollte ich es nur mal ausprobieren. Aber nach meinem ersten Sprung war ich sofort gefangen, ab da gab es kein zurück mehr. 

Durch einen Freund kam ich dann in direkten Kontakt zum Wingsuit Flying. Ich war bereits seit 4 Jahren Fallschrimspringer und hatte zu dem Zeitpunkt um die 350 Sprünge. Es ist sehr wichtig, dass du viel Erfahrung im Fallschirmspringen sammelst. Wingsuit birgt viele zusätzliche Faktoren und Risiken, die man beachten muss im Vergleich zu einem normalen Sprung. Aber mit dem richtigen Training, kann man es relativ sicher lernen.


Was fasziniert dich so sehr am Wingsuit Flying?

Es lässt für mich eine neue Denkweise entstehen.

Wenn du erstmal deine Flügel spreizt, hört der Rest der Welt auf zu existieren. Es gibt nur noch dich, genau da, in diesem Moment. Alle Sinne arbeiten mit 100 Prozent. Die Sicht, der Klang, der Geruch, die Berührungen. Es ist ein unglaubliches Gefühl mit deinem Körper durch die Luft zu fliegen und mühelos zu gleiten. Genau so, wie du es dir in deinen Träumen vorstellst.


Wie lange dauert ein durchschnittlicher Flug?

Das kommt ganz darauf an, was du während des Sprungs tust. Die Freifallzeit variiert zwischen 60 Sekunden und ein paar Minuten. Davon lohnt sich allerdings jede Sekunde. 

Du kannst mit deinen Freunden um die Wette durch die Wolken fliegen, wie ein Haufen akrobatischer Flugzeuge. Oder du kannst sanft am Himmel entlang gleiten und die Kulisse und die unglaublich langen Freifälle genießen. Man fliegt bis zu drei mal länger als bei einem normalen Fallschirmsprung.


Gibt es auch Wettkämpfe im Wingsuit Flying?

Ja, es gibt verschiedene Formen von Wettkämpfen. Es gibt einmal die Leistungswettkämpfe, in denen wird ein GPS genutzt. Es wird gemessen, wer die höchste Geschwindigkeit erreicht hat, die weiteste Distanz zurück gelegt hat oder den längsten Freifall geschafft hat.

Am meisten Spaß machen die Akrobatik-Wettkämpfe. Es gibt ein Zwei-Mann-Team mit einem Kameramann. Man muss nun innerhalb von 65 Sekunden eine vorgegebene Serie an verschiedenen vorher festgelegten Figuren durchführen. Es gewinnt der, der die Reihe am schnellsten durchläuft und die bessere Ausführung hatte.

Man kann mit seinem Teamkameraden unglaublich kreativ werden bei der Entwicklung der Figuren und Bewegungen. Es macht unbeschreiblich viel Spaß die Bewegungen zu üben und zu verbessern.


Erzähl uns, wie du dich vor einem Flug fühlst.

Meistens bin ich fröhlich und ein bisschen aufgeregt. Bei Wettkämpfen werde ich natürlich auch manchmal nervös, weil du versuchst dein Bestes zu geben.


Hast du manchmal Angst, dass etwas passieren könnte?

Das Risiko der Sportart ist mir jederzeit bewusst. Aber wenn man regelmäßig trainiert und eine stabile Psyche hat, lernt man gut damit umzugehen.

Anders als beim Motorradfahren bist du derjenige, der zu 100 Prozent kontrolliert, was passiert. Es gibt zum Beispiel keine externen Faktoren, wie andere Fahrer, die dich in eine gefährliche Situation bringen könnten. 

Viele haben Angst vor Problemen mit der Ausrüstung oder dem Fallschirm, obwohl solche bei der modernen Ausrüstung von heute nicht mehr auftreten. Wenn etwas falsch läuft, ist der Benutzer schuld. Die Medien stellen es oft so dar als hätte der Fallschirm nicht funktioniert. Das erzeugt ein verzerrtes Bild vom wahrgenommenen Risiko und dem, das tatsächlich besteht.


Oft werden Leute “süchtig” nach den Adrenalinkicks in Extremsportarten und danach immer wieder neue Grenzen auszutesten. Würdest du sagen, dass das bei dir auch der Fall ist?

Ich glaube, dass nur ein kleiner Teil der Leute aus diesem Sport es wegen dem Adrenalin tut. Die meisten sind sehr verantwortungsbewusst. Sie stehen im Berufsleben, sind Anwälte, Polizisten oder Zahnärzte. Die Leute lieben das Abenteuer. Es geht nicht unbedingt um Adrenalin oder darum seine Grenzen auszutesten. Es ist das Verlangen nach einem Abenteuer. Der Sport an sich ist nicht so gefährlich. Es ist die Herangehensweise, wie man ihn ausübt.


Wie ist der Sport mit deiner Famile zu vereinbaren?

Sehr gut. Ich danke meiner Frau für die tolle Unterstützung von zu Hause. Mein Kleiner hat meine Ansichten über den Sport auch nicht unbedingt verändert, aber ich muss sagen, dass er es mir immer schwerer fällt nicht zu Hause zu bleiben. Es ist so schwer meine beiden Liebsten jeden Monat für zwei Wochen alleine zu Hause zu lassen, während ich reise. Manchmal sind sie mit mir unterwegs. Ich wünschte, das würde immer gehen.


Vielen Dank für das Interview!


Jarno Cordia wurde am 25.04.1978 in den Niederlanden geboren. Er gehört zu den technisch besten Wingsuitern weltweit und fliegt unter anderem in der World Wingsuit League (WWL). Beruflich ist er in der Filmbranche als Produzent für 3D-Animationen tätig und arbeitet daneben als Wingsuit Coach auf der ganzen Welt.