Mein Klinikaufenthalt - Professionelle Hilfe bei Magersucht

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02. Dezember 2016

Eine Kolumne von Lena Leun 

Mit 14 Jahren habe ich angefangen extrem auf mein Essverhalten zu achten. Ich war schon immer etwas kräftiger, deshalb war es zu Anfang nicht schlimm, dass ich ein wenig abnahm. Nach einer gewissen Zeit jedoch wurde mein Gewicht immer fraglicher. Ich versuchte es sehr lange, angetrieben durch meine Eltern, bei mehreren ambulanten Therapien, denn für alle in meinem Umkreis war klar: Ich litt unter Magersucht. Zunehmen tat ich durch die Behandlungen allerdings nicht. Im Gegenteil, ich nahm weiterhin ab und auch an meiner Einstellung gegenüber dem Essen änderte sich wenig. Irgendwann war für meine Eltern und zu einem bestimmten Punkt auch für mich klar, dass die einzige Lösung aus dieser Krankheit herauszukommen ein Klinikaufenthalt war. Nach langem Warten und Suchen hatte meine Mutter eine Psychiatrie gefunden, die auch eine Abteilung für den Bereich Essstörungen hatte. Mit 16 Jahren wurde ich dort stationär aufgenommen.

Aufstehen, ins Bad, anziehen und dann pünktlich um kurz vor acht vor dem Essensraum stehen und warten, bis es gemeinsam zum Frühstück ging. So begannen viele meiner Tage dort. Im Endeffekt dauerte meine stationäre Behandlung acht Monate.

Zweimal die Woche wurden wir, neun andere Mädchen, die entweder auch unter Magersucht oder Bulimie litten, gewogen. Je nach Gewicht und psychischem Befinden, welches von den Therapeuten beurteilt wurde, bekamen wir mehr Freiheiten. Diese reichten von selbständigem Zubereiten der Mahlzeiten bis zu Wochenend-Beurlaubungen.

Die Selbstständigkeit, die einem zu Beginn in der Klinik genommen wurde, war für mich großer Ansporn Fortschritte zu erzielen und so schnell wie möglich wieder ‘Freiheit’ zu erlangen. Trotzdem fiel es mir bis zum sechsten Monat meines Aufenthalts schwer, nicht zu schummel und beim Wiegen durch vorheriges Wasser-Trinken ein bis zwei Kilo mehr auf die Waage zu bringen. Ich habe immer zwei Persönlichkeiten in mir gehabt, die eine Seite hat eingesehen, dass ich zu dünn bin und auch zu wenig esse, aber die andere, dominierende Seite hat mir eingeredet, ich würde zu dick aussehen, wenn ich wieder auf ein normales Gewicht komme. Dieser innere Kampf war oftmals, vor allem in der Klinik, ziemlich schwer für mich.

Zu Beginn meiner Therapie war ich noch sehr motiviert, habe jede meiner Mahlzeiten aufgegessen und versucht, den Drang zu schummeln einfach zu unterdrücken. Mit der Zeit habe ich aber immer wieder Kleinigkeiten bei den Mahlzeiten weggelassen oder heimlich in meinem Zimmer Sportübungen gemacht. Es gab Wochen, in denen ich das wieder gelassen habe, da die Betreuer darauf aufmerksam geworden sind und stärker ein Auge auf mich hatten. Was sie allerdings eine sehr lange Zeit nicht bemerkten, war, dass ich vor den Wiegeterminen ins Bad ging und mindestens 1-2 Liter Wasser auftrank, um mein Gewicht zu erhöhen.

Zu Anfang bekam ich von ihnen alle Mahlzeiten am Tag, also Frühstück, Snack, Mittagessen, Nachmittags-Snack und Abendbrot, zubereitet, um mich so wenig wie möglich mit dem Essen zu beschäftigen. Wir hatten Bewegungs- und Kunst-Therapie. Wer schon etwas „weiter“ mit der Behandlung war, durfte bei Interesse auch in die „Klinik-Band“. Die Musik hat mir oftmals sehr geholfen mich abzulenken und mir klarzumachen, was meine eigentlichen Leidenschaften sind.

Besonders schwer fiel mir das Essen in meinem zweiten Monat dort. Wir hatten ein neues Mädchen auf die Station bekommen. Sie war sehr abgemagert, eine der schlimmsten Fälle, wie die Betreuer meinten. Ich ging zum Essensraum, um wie jeden Tag mit den anderen zu frühstücken. Als ich die Neue sah, habe ich mich sofort mit ihr verglichen und ganz extrem auf ihr Essverhalten geachtet: Wie klein macht sie ihre Bissen? Was isst sie von ihrer Portion, was nicht? Ich selbst habe an dem Tag, keinen Bissen runterbekommen. Den ganzen Tag dachte ich über die wenigen Kilo, die ich in der Klinik schon zugenommen hatte, nach und überlegte, wie ich sie wieder loswerden könnte, um dünner zu sein als die anderen. Natürlich ist das den Betreuern aufgefallen und sie haben mit mir gesprochen. Doch in diesem Moment half mir das wenig.

Ablenkungen, wie die verschiedenen Therapien, waren da sehr viel hilfreicher. Ich konnte mich kreativ ausleben und meinen Fokus auf etwas anderes als das Hungern legen.

Generell war es aber nicht immer so, dass wir Patientinnen uns gegenseitig runterzogen, sondern uns viel eher gegenseitig Mut zusprachen. Einmal die Woche hatten wir mit unserem Ernährungs-Betreuer, der mit den Mädchen, die schon länger da waren am Wochenende auch manchmal kochte, ein Essverhaltens-Feedback. Wir saßen dabei alle zusammen im Wohnzimmer, bekamen Feedback von ihm und gaben uns auch gegenseitig Tipps oder bemerkten, wenn uns etwas am Essverhalten der anderen aufgefallen war. Zudem sollten wir ein Esstagebuch führen, um selbst unsere Entwicklung und unsere Gefühle nachvollziehen zu können.

Nach gewisser Zeit habe ich das Schreiben jedoch aufgegeben, was, laut den Betreuern, ein sehr positives Zeichen war, denn es zeigte, dass das Thema Essen nicht mehr im Mittelpunkt meiner Therapie stand und somit der Fokus stärker auf die Hintergründe meiner Magersucht gelegt werden konnte. Diese sind in jeder Behandlung unglaublich wichtig, um den Auslöser der Krankheit zu erkennen und sie somit stoppen zu können.

Ich habe eine sehr lange Zeit in der Klinik verbracht. Das war aber auch nötig und hilfreich. Auf meinem Weg zu einem gesunden und ausgewogenen Essverhalten haben mich viele Menschen begleitet und mir immer wieder gut zugesprochen. Die Meinung anderer war jedoch zweitrangig, denn es musste bei mir selber „Klick“ machen und mir wurde unter anderem durch die verschiedenen Therapie-Angebote und das Programm in der Klinik, wieder bewusst, wie schön das Leben doch ist und dass es so viel wichtigeres gibt, als krankhaft auf sein Essverhalten zu achten und sich so vieles zu verbieten.

Nach meiner Entlassung halfen mir Tipps von den Betreuern, mich wieder in meinem Alltag einzufinden und auf mein wiedergewonnenes Hungergefühl auch ohne die typischen Klinikmahlzeiten zu hören.

Heute achte ich auf eine gesunde Ernährung, aber im ausgewogenen Sinne. Ich mache mehrmals in der Woche Sport und kann mein Leben wieder genießen.

Ich glaube aber auch, dass ich das ohne die stationäre Behandlung nicht geschafft hätte, denn, wenn man wirklich tief in einer Essstörung steckt, braucht man diese professionelle Hilfe, um “wach zu werden”.


Lena Leun (19) hat in diesem Jahr ihr Abitur bestanden und möchte andere Betroffene mit ihren offenen Worten Mut zu sprechen. Mut, sich professionelle Hilfe bei einer Essstörung zu suchen. Mut, sich selbst & den eigenen Körper wieder lieben zu lernen und den Weg in eine ausgewogene Ernährung zu finden. (Instagram: @lena.leun )


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