Von der Bachelorarbeit zum Sportunternehmen. Eine Gründergeschichte.

2016 05 marthe victoria lorenz fairplaid
02. Dezember 2016

Eine Kolumne von Marthe-Victoria Lorenz

Als Studentin hatte ich viel Zeit. Zeit um fast jeden Tag Sport zu treiben und Zeit, um mich in zwei Vereinen zu engagieren. Beim MTV Stuttgart leitete ich die Abteilung Basketball und trainierte nebenbei noch ein U17-Mädchenteam. Beim Stuttgarter Eishockeyclub übernahm ich als Studentenjob zusätzlich das Social Media-Management.

In beiden Vereinen wurden die ersten Mannschaften Meister, der Eishockeyverein sogar zweimal hintereinander. Doch obwohl der sportliche Erfolg riesig war; ein Aufstieg in die nächsthöhere Liga war nicht möglich. Es fehlte das Geld. Dazu sollte man wissen, dass allein in Stuttgart (ohne die umgebenden Städte) schon 450 Sportvereine existieren. Diese 450 Sportvereine sind jedes Jahr auf der Suche nach Sponsoring-Geldern. Alleine 10.000 (!) Anfragen erhalten namenhafte Unternehmen in Stuttgart und Umgebung im Jahr. 95 Prozent davon werden abgesagt.

Denn Sponsoring nimmt im Sport eine beinahe omnipräsente Vormachtstellung ein. Jeder Verein oder Athlet will Sponsoring betreiben. Dabei können nur wirklich wenige Sportarten, Athleten bzw. Sportveranstaltungen wirklich sinnvoll Sponsoring ausführen. Es handelt sich um diejenigen, die sehr medienwirksam sind und somit auch eine geeignete Werbeplattform als Gegenleistung bieten können. Die mindestens 50.000 Follower bei Instagram oder Facebook haben oder dauerpräsent im Fernsehen sind.

Das trifft aber nur für einen Bruchteil der Vereine und Sportler zu. Wenn man realistisch ist, trifft es nur auf den Spitzensport zu und dort auch konzentriert auf die 1. und 2. Männer-Fußballbundesliga. Alle anderen versuchen es unter größten Anstrengungen. Hier werden erst 100 Türen zugeschlagen, bis sich eine Tür öffnet.

Ein Jahr, nachdem wir die Sportler tief enttäuschen mussten, las ich einen Artikel im TIME Magazin. In der Musikbranche hatte Crowdfunding Einzug erhalten. Musikbands, die für Labels in ihrer Anfangsphase unattraktiv waren oder einfach keine Lust auf Einmischung hatten, sammelten über Crowdfunding Geld bei ihren Fans. Kam genug Geld zusammen, gingen sie ins Tonstudio und nahmen ein Album auf oder gingen damit auf Tournee. Kam nicht genug zusammen, erhielten die Fans ihr Geld zurück. Ohne Geld kein Tonstudio und keine Tournee. So einfach ist das!

Die Fans, die das Ganze finanziert hatten, erhielten als erste das produzierte Album, meist unterzeichnet mit weiteren Goodies wie Meet & Greets, Konzerttickets und Ähnlichem. Wer gibt, sollte eben auch dafür belohnt werden. Häufig übersteigt der Wert der Gegenleistungen sogar den Wert der Unterstützung.

Auch der Sport hat meist Fans oder zumindest Menschen im Vereinsumfeld, die eine große Liebe für ihren Verein oder ihre Sportart hegen. Ich nahm meine Bachelorarbeit zum Anlass, um zu untersuchen, ob Crowdfunding eine mögliche neue Alternative zur Finanzierung ist.

Während ich in der Landesbibliothek Stunden um Stunden verbrachte, kam ich immer mehr in Problematiken. Auf der einen Seite sah ich, wie Crowdfunding in der Musik-, Film-, Startup-, und Produktentwicklungswelt ein immer größerer Trend wurde, die Zahlen exponentiell stiegen und alle das neue Finanzierungsinstrument feierten. Doch im Sport fand ich auf der anderen Seite wortwörtlich NICHTS. Jeden Tag gab ich von neuem "crowdfunding sport" bei Google ein. Jeden Tag erhielt ich keine Suchergebnisse. Keine Plattform, keine Projekte. Nicht einmal im Vorreiterland USA. Für mich war dies eine Katastrophe. Worauf sollte ich meine Aussagen stützen, was in das heißgeliebte Quellenverzeichnis der Professoren eintragen?

Als nach drei Monaten immer noch nichts passierte, brachte mich meine Mutter auf die Idee. Sie sagte, dass das Fazit meiner Arbeit so aussehen könnte, dass Crowdfunding durchaus eine Alternative wäre, aber eben die technische Infrastruktur in Form einer Plattform dafür fehlt. Als ich dies in mein Fazit einfügte, gab es diesen einen Moment, der letztendlich mein Leben veränderte. Der Moment, in dem ich dachte: Wieso machst du eigentlich nicht diese Plattform, die gerade noch fehlt?

Von da an hatte mich die Idee gepackt. Ich fing an, an einem Konzept zu arbeiten und dies an verschiedene Organisationen zu versenden, auf der Suche nach Unterstützung. Nach langer Zeit alleine fand ich einen Mitgründer und rund zwei Jahre nach diesem einen Moment ging fairplaid.org online (die Zeit vergeht schneller, als man denkt).

Unser erstes erfolgreiches Projekt war die Unterwasserhockey-Frauennationalmannschaft. Eine Sportart ohne Zuschauer, ohne Verband und damit ohne Sponsoren und Fördergelder. Allen eine Chance zu geben, auch denen, die über die klassischen Methoden durchs Raster fallen. Noch heute ist dieses Projekt ein Symbol-Projekt für unsere Mission: die Vielfalt im Sport zu erhalten und auszubauen. Es folgten Basketball, Chairskating, Reiten, Handball, Beachvolleyball, Drachenboot, Quidditch und eine Vielzahl an bekannten und unbekannten Sportarten.

Heute nutzen Olympioniken und Bundesliga-Clubs gleich wie Jugendmannschaften und Nischensportarten meine Plattform, um sich unabhängig von Sponsoren und Fördergeldern zu finanzieren. Von der WM-Fahrt und Trainingslagern bis zum Trikotsatz, dem Calisthenics-Park und der Hallensanierung sind sämtliche Projekte bereits finanziert worden. Fast zwei Millionen Euro wurden hierbei an knapp 370 Sportvereine und Athleten ausgezahlt. Bis 2020 sollen es zehn Millionen werden. Doch nicht nur das. Das, was vielen Sportlern fehlt, könnte nun über fairplaid möglich werden. Seit einiger Zeit werden Sponsoren auf fairplaid aufmerksam, Karstadt sports sowie der kicker, die BW-Bank und andere Firmen unterstützen Projekte mit Zuschüssen. Das, was ein Verein alleine nicht schafft, schafft der Online-Marktplatz: Reichweite für Unternehmen.

Niemals hätte ich vor vier Jahren gedacht, dass ich mit 28 Jahren Geschäftsführerin meiner eigenen Sportfirma sein würde, auch wenn ich bereits seit fünf Jahren daran arbeite. "Timing, perseverance, and ten years of trying will eventually make you look like an overnight success." Diesen Satz sagte der Twitter-Chef, als ihn viele nach seinem Erfolg fragten. Das gilt wohl für Sportunternehmer, wie auch für Sportler.


Marthe-Victoria Lorenz (29) ist die Gründerin von fairplaid und leidentschaftliche Basketballerin. Als ehemalige Trainerin, Jugendwartin und Abteilungsleiterin beim MTV Stuttgart 1843 e.V. kennt sie die Situation der Vereine genau. Nachdem sie ihre Bachelor-Arbeit über Crowdfunding im Sport geschrieben hat, hat sie sich dazu entschieden, etwas zu ändern und fairplaid gegründet. 


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