EMS-Markt in Deutschland 2016 - Teil 4

Interview mit Dr. Heinz Kleinöder

Dr. Kleinöder arbeitet am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Deutschen Sporthochschule in Köln und ist Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung.

EMS-Training ist als Mainstream-Fitnessmethode noch nicht lange am Markt, seit einigen Jahren boomt das Training “unter Strom” jedoch. Was ist EMS-Training?

Die Elektrostimulation ist ein besonderes Training, das ursprünglich aus der Rehabilitation kommt. Es ist aus der Notwendigkeit geboren, einen adäquaten Reiz für einen immobilen Muskel zu schaffen, um Atrophie zu verhindern.

Mittlerweile wird versucht, das Training auch sinnvoll für den Freizeit-, Breiten- und Hochleistungssport einzusetzen. Die Muskeln werden in verschiedenen Organisationsformen mit Strom angesteuert und die Kontraktion verstärkt.

Bei dem Ganzkörper-Elektrostimulationstraining werden viele Muskelgruppen synchron angesprochen und verschiedene Übungen kombiniert.

Viele EMS-Anbieter betonen die Effizienz des Trainings. Inwiefern reichen 25 Minuten EMS-Training pro Woche aus, um fit zu bleiben und ist das Training effizienter als herkömmliches Fitnesstraining?

Die Vergleiche à la „effizienter als…” hinken ein bisschen. Das kommt immer darauf an, was man testet. Die Elektrostimulation ist eine sinnvolle Trainingsmethode. Vor allem für Menschen mit wenig Zeit und für Sportler, die große Muskelgruppen gleichzeitig ansteuern möchten. EMS-Training ist als Methode vor dem Hintergrund des High-Intensity Zeitgeistes zu sehen.

Das Studio muss gewährleisten, dass die richtige Trainingsintensität gewählt wird. Es ist für Fitness-Anfänger sinnvoll, sich zunächst an das Training zu gewöhnen. Dass verschiedene Trainingsmethoden funktionieren, liegt salopp gesagt daran, dass der Muskel nicht sehr wählerisch ist.

Er braucht eine gewisse Time under Tension - Anspannungsdauer und Reizintensität. Woher die kommt, ist gar nicht so entscheidend. Der Muskel will bewegt werden und eine Spannung haben, dann reagiert er mit Anpassung.

Welche Rolle spielt EMS-Training im Profisport?

EMS hat im Profibereich Einzug gehalten, das wird aber selten in den Vordergrund gestellt. Es wird eher als Methode genutzt, um gezielt einen zusätzlichen Reiz setzen zu können.

Im Leistungsbereich, zum Beispiel in Fußballvereinen, wird EMS eingesetzt und durch kompetente Trainer durchgeführt. Wir haben diesbezüglich gerade eine Studie mit der Trainerakademie erstellt, von denen viele mit EMS arbeiten.

In der Vergangenheit wurde vereinzelt über hohe CK-Werte berichtet. Ist EMS-Training gefährlicher als andere Trainingsmethoden?

Es ist richtig, dass in manchen Fällen hohe Kreatinkinase-Werte aufgetreten sind. In der Literatur findet man vergleichbare Werte beispielsweise auch im Bodybuilding oder bei Langzeit-Ausdauerbelastungen wie sie im Triathlon auftreten.

So richtig überraschend sind die Werte natürlich nicht, weil man über EMS auch untrainierte Muskulatur erreicht, sodass der Reiz sehr intensiv sein kann.

Die hohen Kreatinkinase-Werte treten aber nur auf, wenn das Training nicht adäquat durchgeführt wird. Das hat nichts damit zu tun, dass die Trainingsmethode an sich gefährlich wäre.

Wenn die Dosis zu hoch ist, können diese hohen Werte auch mit HIT-Training und klassischem Ausdauer- oder Krafttraining erreicht werden.

Wird sich das EMS-Training Ihrer Meinung nach weiterentwickeln und wie könnte ein Fortschritt aussehen?

Es gibt unterschiedliche Ansätze. Manche Hersteller setzen auf Anzüge, die ohne Kabel auskommen und auch Outdoor verwendet werden könnten.

Andere versuchen den klassischen Ansatz weiter zu entwickeln, sodass Reize noch präziser abgestimmt werden können. Ich glaube, dass EMS-Training sich weiter verbessern wird. Es ist eine praktikable und wichtige Trainingsmethode.

Sie kommen aus dem trainingswissenschaftlichen Bereich und kennen die EMS-Methode schon seit vielen Jahren. Haben Sie mit einem EMS-Boom gerechnet, wie wir ihn seit einigen Jahren erleben und wie sehen die nächsten 5 Jahre für EMS aus?

Ich gehe davon aus, dass sich das EMS-Training weiter etablieren und durchsetzen wird. Ich glaube, dass - analog zur Entwicklung beim Vibrationstraining - mehr Hersteller auf den Markt kommen werden und die Konkurrenz wächst.

Zudem wird sich die Ansteuerung verändern, was den nieder- und mittelfrequenten Strom betrifft. Ich hoffe auf eine stetige Verbesserung der Studienlage, sodass die beschriebenen Wirkungen nachgewiesen werden.

In der Physiotherapie können viele Anwendungen sinnvoll durch EMS unterstützt werden. Das Training wird immer einfacher in der Anwendung, weshalb das EMS-Angebot im Freizeitbereich steigen wird. Die ersten Geräte waren noch sehr umständlich, mittlerweile sind die Anzüge in wenigen Minuten einsatzbereit.


Visitenkarte von Dr. Kleinöder am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik.


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